Meine neue Freundin, die China-Oma :-)
Posted from Melbourne, Victoria, Australia.
Da saß ich also an dem Tisch mit einer 80-jährigen Chinesin, einer hübschen 20-jährigen ukrainischen Schauspielerin und einer chinesischen Krankenschwester. Tja, wie es dazu kam, das ist eine interessante Geschichte. 🙂
Von Beatriz hatte ich erfahren, dass es ein multikulturelles Zentrum in Melbourne gibt, in dem man umsonst Sprachkurse belegen kann. Da es ja nie schaden kann, seine Sprachkenntnisse im Ausland aufzupolieren, erkundete ich mich nach geeigneten Kursen. Die so genannten „Talking Circles“ hörten sich gut an: „Wenn Sie in kleinen Gruppen Gesprächssituationen für Ihren Berufsalltag mit Freiwilligen üben möchten, kommen Sie zum Talking Circle“. Das ist genau das Richtige für mich, dachte ich. So kann ich für meinen nächsten Job berufsspezifische Gespräche einüben, neues Vokabular lernen und vielleicht auch etwas für Präsentationen aufschnappen. Ich schrieb mich also ein und war begeistert, als ich einen Platz bekam. An einem Donnerstag zwischen 13 Uhr und 14 Uhr sollte es losgehen und voller Vorfreude fuhr ich zum Sprachzentrum. Da gab es die erste Überraschung: Zu unserem Klassenzimmer gelangten wir durch eine Tiefgarage! Der fensterlose Raum erinnerte etwas an einen Bunker, aber das ließ meinen Enthusiasmus nicht im geringsten abebben. Ich wollte etwas lernen und mich für künftige Jobs weiterbilden. Ein paar andere Wissbegierige waren schon im Raum. Dort standen vier runde Tische, an denen vereinzelt Leute saßen. Hinten rechts unterhielten sich zwei Frauen um die 40 und hinten links am Tisch saß einsam und verlassen eine ältere Asiatin. Am liebsten hätte ich mich zu den zwei Frauen gesetzt, aber irgendwie tat mir die ältere Dame leid. Also setzte ich mich zu ihr.
Sprechen wir eine Sprache?
Doch wer zu nett ist, den bestraft bekanntlich das Leben. Denn die alte Dame war nicht nur ziemlich unfreundlich, sondern sprach auch ein sehr schlechtes Englisch. Unser Gespräch lief in etwa so ab (auf Deutsch übersetzt):
Ich: „Hallo, ich heiße Christine. Ich komme aus Deutschland, arbeite momentan in Melbourne und bleibe ein Jahr in Australien.“
Die ältere Dame: „Ich heiße hongzidingdsa und komme aus China. Ich bin 80 Jahre alt.“
Ich: „Entschuldigung, ich habe Ihren Namen nicht verstanden. Wie heißen Sie? Was, 80 Jahre, das sieht man aber gar nicht! (tja, was soll man sonst sagen, sie hätte auch gut 90 sein können) Toll, dass Sie in Ihrem Alter Sprachkurse besuchen.“
Die ältere Dame: „Hong-zid-ings-da“ (nun hat sie es ganz langsam mit einem ganz schlimmen Chinesisch-Englischen-Akzent gesagt und mich angeschaut, als wäre ich etwas schwer von Begriff).
Ich: „Achso (ich hatte ihren Namen immer noch nicht richtig verstanden – geschweige denn, dass ich in mir hätte merken können), freut mich. Wie lange sind Sie denn schon in Melbourne?“
Die ältere Dame: „Seit 45 Jahren komme ich immer wieder her.“ (das hatte ich zumindest unter höchster Konzentration aus ihrem Kauderwelsch herausgehört)
Ich: „Toll und wie lange bleiben Sie hier?“
Die ältere Dame (nun ziemlich barsch und als hätte sie es mit einer Vollidiotin zu tun): „Das habe ich doch gerade gesagt! Ich wohne seit 45 Jahren hier!“ (achherje, jetzt reimte ich mir zusammen, dass die Frau tatsächlich schon 4 Jahrzehnte hier wohnt, aber scheinbar jetzt das erste Mal aus Chinatown herausgekommen ist)
Die Konversation wurde immer unangenehmer und ich war froh, dass sich nun zwei weitere Frauen zu uns an den Tisch setzten und ich somit nicht mehr allein mit der Oma war. Rechts neben hatte eine sehr grazile und hübsche etwa 20-jährige Ukrainerin Platz genommen, die Schauspielerin ist, mit einer leisen ruhigen Stimme sprach und ihre Schwester in Melbourne für ein paar Wochen besucht. Links neben mir saß nun eine etwa 40-jährige Chinesin, die Krankenschwester und auf Jobsuche ist und sehr fröhlich war. Gegenüber von mir die böse Oma, die (wie ich nun erfahren hatte) anscheinend (mit nicht sehr großem Erfolg) schon einige Sprachkurse besucht hatte. Eine lustige Truppe also. 🙂
Die Freiwilligen
Was erwartete uns nun? Ich war bereit, viel Nützliches für den Job zu lernen! Die Frau vom multikulturellen Center erklärte uns, dass gleich die Freiwilligen kommen würden, die mit uns Gesprächssituationen üben. Und da waren sie auch schon: In der Tür unseres fensterlosen grauen Bunkers standen vier Personen – zwei Frauen und zwei Männer – in Anzug und Kostümen. Wie sie da standen, in ihren Bussinessoutfits und auf uns – die Ausländer – herab schauten (also tatsächlich und nicht unbedingt ildlich gesprochen), das war eine seltsame Situation. Ich saß da und fühlte mich wie ein Flüchtling, dessen sich jemand erbarmt und sich mit ihm beschäftigt. Die Freiwilligen waren natürlich ganz nett und es ist ja auch eine super Sache, dass sie ihre Mittagspause opfern, um anderen Englisch beizubringen. Aber ich fühlte mich irgendwie fehl am Platz.
Was ist Dein Lieblingstier?
Zu uns kam eine junge Frau, etwa so alt wie ich, die in einer Anwaltskanzlei als Juristin arbeitet und schon mehrere Jahre als Freiwillige tätig ist. Sie war sehr freundlich und ging offen auf uns zu. Welche Situationen für den Beruf Sie uns wohl beibringen wollte? Trotz der seltsamen Situation war ich immer noch optimistisch, dass mir dieser Kurs etwas bringen würde. Das änderte sich aber schlagartig, als wir ein Blatt in die Mitte unseres Tisches gelegt bekamen, auf dem ein Spielfeld aufgemalt war. Wir bekamen jeder eine Spielfigur, Würfel und schon begann das Sprachspiel! Achherje, da sieht man mal wieder – es kann immer noch schlimmer kommen! Anstatt Gesprächssituationen für den Beruf einzuüben, durften wir nun je nach Feld, auf dem wir landeten, etwas über unser Lieblingstier; ein Buch, das wir gelesen haben, unser Zimmer, unser Lieblingsessen, usw. erzählen. Das war echt unglaublich! Ich kam mir vor wie in der 5. Klasse im Englischunterricht! Die Antworten der China-Oma waren immer am besten: Sie hatten gesagt, dass Ihr Mann ein Restaurant in Chinatown gehabt hatte. Als sie auf die Frage nach Ihrer Lieblingsbeschäftigung nichts wusste und ihr unsere Juristin als Vorschlag „Kochen“ machte, antwortete sie barsch: „Ich habe noch nie gern gekocht, deshalb bin ich froh, dass mein Mann in Rente ist und wir das Restaurant nicht mehr haben.“ Okay… Scheinbar hat sie immer mit viel Liebe gekocht… 😉 Dieses Spiel wurde in meinen Augen immer absurder und sinnloser, aber so wie es aussah, hatte nur ich diesen Eindruck. Die Ukrainerin und die beiden Chinesinnen waren mit voller Konzentration dabei – na ja, bei der die China-Oma nahm ich an, dass ihre unfreundliche Art Teil ihrer liebenswerten Persönlichkeit war und nichts mit der Tatsache zu tun hatte, dass sie das Spiel auch blöd fand. Die Stunde zog sich unendlich hin und ich war – seit meiner letzten Mathe-Stunde im Gymnasium – nicht mehr so froh, als die Stunde um war!
Einmal und nie wieder
Beim Hinausgehen fragte mich die Ukrainerin, ob ich nächste Woche wiederkomme (scheinbar hatte sie schon gemerkt, dass ich mit den Fragen leicht unterfordert war). Als ich ihr sagte, dass ich es nicht glaube, weil das Niveau doch nicht ganz meinen Englischkenntnissen entsprechen würde, nickte sie nur und sagte „Ich verstehe.“ Also das Angebot ist wirklich gut für Leute, die kaum Englisch sprechen oder (wie bei der China-Oma) in einer Parallel-Gesellschaft wie in Chinatown leben und kaum dazu kommen, Englisch zu sprechen, aber mit Vorbereitungen für den Job hat das wirklich nichts zu tun. Wie Ihr Euch sicher vorstellen könnt, war ich das erste und letzte Mal dort. 🙂

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