Posted from Melbourne, Victoria, Australia.
„Sie verlassen jetzt West-Berlin“ – nein, keine Angst, Ihr seid nicht plötzlich im falschen Blog gelandet! In Melbourne, besser gesagt in Chinatown, gibt es eine Berlin Bar, die sich vielversprechend anhörte: Man muss klingeln, wird an der Eingangstür gefragt, ob man nach Ost oder West möchte und je nachdem, wie man sich entscheidet, landet man in einer Bar im Ost- oder im Weststil. Das musste ich mir zusammen mit Steffi (einer Deutschen, die ich beim Briefing für das Deutsche Filmfestival im Goethe Institut kennengelernt hatte) anschauen! Gespannt stiegen wir die Treppen zur Bar empor und waren etwas erstaunt, als uns kein Deutscher, sondern ein Franzose die Tür öffnete! Ich weiß, die deutsch-französische Freundschaft ist wirklich eng, aber das hätte nun wirklich nicht sein müssen! Es gibt ja wohl genug Deutsche in Melbourne (es vergeht eigentlich kein Tag, an dem ich nicht jemanden in der Stadt Deutsch sprechen höre) und besonders viele deutsche Backpacker, die diesen Job machen könnten. Gleich zu Beginn schon ein Minuspunkt an Authentizität.
Nun die nächste Überraschung: Jean-Pierre (ok, zugegeben, ich weiß nicht, ob er so hieß, aber ganz unwahrscheinlich ist es nicht :-)) fragte uns nicht in konspirativem Ton flüsternd „Ost oder West“ (so wie ich es mir vorgestellt hatte), sondern führte uns in zwei Räume, die Ost- und Westberlin repräsentieren sollten. Es waren also nicht wie uns erzählt worden war, zwei Bars, sondern einfach eine Bar mit zwei Räumen. Spannender war für uns natürlich Ost-Berlin, also auf in den Osten! Vorbei an dem Schriftzug „Sie verlassen jetzt West-Berlin“ ging es in die DDR. Na ja, nicht wirklich.
Die Einrichtung war eher im Stil der 1980er Jahre und außer Stacheldraht und Tarnnetz erinnerte nicht wirklich
etwas an den Osten. Interessiert studierten wir nun die Karte. „Angela Merkel“, „Luftwaffen Sour“, „Die Ziege“, „Love Parade“, „Munich 75“ und „Bundesprasident“ hießen zu unserem Erstaunen einige Cocktails, die stolze 20 Dollar kosteten. Die Idee, den Getränken deutsche Namen oder Namen, die sich auf etwas Deutsches beziehen, zu geben, finde ich ja richtig gut und auch passend. Aber solche? Wer hat sich denn die ausgedacht? Franzosen vielleicht, die kein so positives Deutschlandbild haben? Warum würde man einen Cocktail sonst „Die Ziege“ nennen?
Und den darauffolgenden „Angela Merkel“? Ob sich das eine auf das andere bezieht?! Also „Love Parade“ fand ich in Anbetracht der vielen Toten von Duisburg auch etwas geschmacklos. Was mich zugegebenermaßen aber nicht davon abhielt, diesen Cocktail zu bestellen, weil sich die anderen nicht so berauschend anhörten. Steffi versuchte „Munich 75“ und als uns unsere französische Bedienung (ja saperlott was war denn hier los?!) die Getränke brachte, waren wir nicht mehr sonderlich erstaunt, dass die Cocktails nicht so toll schmeckten. Wetten, „Die Ziege“ ist der Geheimtipp?! 🙂 Weil der Osten uns nicht gerade vom Hocker riss, überquerten wir die Grenze und
setzten uns in den Westen. Der Grenzübergang verlief wie erwartet problemlos. Was hätte man aus dieser Idee nicht alles machen können! Grenzkontrollen, Ausgabe von „Pässen“, etc. Im Westen war es ganz nett, aber auch nicht spektakulär ehrlich gesagt.
So und jetzt haltet Euch fest: Als wir auf der Toilette ein Poster vom Schloss Neuschwanstein gesehen haben, da war uns klar: das Lokal muss einem Franzosen gehören, der auf einem Flohmarkt ein paar Berlin-Souvenirs erstanden und ansonsten von Deutschland keine Ahnung hat! Berlin und Neuschwanstein – wie passt denn das zusammen?! Wenn es wenigstens das Brandenburger Tor gewesen wäre… Ohje…
Das Fazit unseres Kurzausflugs nach Berlin: Die Idee an sich ist super und man hätte so viel daraus machen können, aber sie ist so schlecht umgesetzt, dass es sicherlich mein einziger Besuch in der Berlin Bar gewesen sein wird. Was ich unbedingt noch recherchieren muss: Gibt es in Melbourne eine Paris Bar, in der Deutsche kellnern, in der es Cocktails mit Namen wie „Croissant“, „Der Esel“, „François Hollande“ oder „Eiffelturm“ gibt und in deren Toilette eines der Loire-Schlösser hängt? 🙂



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