Der Melbourne Cup – Sehen und gesehen werden
Posted from Melbourne, Victoria, Australia.
Zurück in Melbourne verbrachten wir noch ein paar schöne Tage zusammen, bevor erst die Angela und dann der Flo wieder gen Heimat geflogen sind. In diese Zeit fiel auch ein Ereignis, auf das ich mich schon länger freute: Der Melbourne Cup. Das höchstdotierte und renommierteste Pferderennen Australiens ist einer der wichtigsten Events in Melbourne. Schon Wochen vorher sieht man in den Läden die elegantesten Kleider und ausgefallensten Hüte für das Rennen und jeder, der etwas auf sich hält (und das nötige Kleingeld hat), kleidet sich neu ein und hat meistens sogar Karten für mehrere Rennen. Das ist in ganz Australien ein großes Ereignis, wir haben sogar im Hunter Valley gesehen, dass Restaurants das Rennen live übertragen und dazu Brunch angeboten haben. Es heißt nicht umsonst „A race that stops the nation“. Das Rennen findet seit 1861 am ersten Dienstag im November statt und dieser ist sogar ein Feiertag im Bundesstaat Victoria. Das gibt´s bestimmt auch nicht so oft auf der Welt, dass wegen eines Pferderennens Feiertag ist. Jedes Jahr schauen sich 100.000 Rennsportfans den Melbourne Cup auf dem Flemington Racecourse an – und wir waren dieses Mal mittendrin! 🙂
Schick und betrunken?
Rachel hatte mir schon kurz nach meiner Ankunft im Januar vom Melbourne Cup erzählt und gesagt, dass dann wirklich JEDER dieses Rennen im Fernsehen ansieht und alles andere für ein paar Minuten unwichtig wird. Das hatte mich schon damals neugierig gemacht, doch zu der Zeit wusste ich noch nicht, ob ich dann noch in Melbourne sein würde. Es hatte mich schon immer gereizt, mal richtig schick zu solch einem Pferderennen zu gehen. Die Bilder von Ascot hatte ich mir immer gern angeschaut, jetzt war ich gespannt auf den Melbourne Cup. Von meiner australischen Mitbewohnerin Sarah hatte ich schon gehört, dass die Leute dort zwar super schick hingehen, aber viele danach betrunken im Rasen liegen. 🙂 Die Rennen, die an sechs Tagen stattfinden und immer ein unterschiedliches Motto haben (mal ist Frauentag, mal ist der Dresscode Schwarz/Weiß, etc.), sind scheinbar ein einziges großes Besäufnis, das halt nur sehr gut gekleidet vonstatten geht. 😉 Deshalb geht die Sarah nicht mehr hin, aber sie hatte mir gesagt, dass man es auf jeden Fall einmal miterlebt haben muss. Das wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen! 🙂
Underdressed im Zug
Wir hatten unsere Ostküstentour extra so geplant, dass wir passend zu den Rennen wieder in Melbourne waren. Allerdings kamen wir Freitag um Mitternacht am
Flughafen an und schon am Samstag war Derby Day. Von vielen Seiten wurde mir empfohlen, an diesem Tag zu gehen. Allerdings waren wir uns nicht sicher, ob wir nach unserer Tour zu müde sind, um gleich am nächsten Tag dorthin zu gehen. Deshalb wollten uns das Spektakel erst mal aus der Nähe anschauen, bevor wir uns ein Ticket kaufen (die billigste Karte kostet 75 Dollar). Schon an der Flinders Street Station sahen wir viele gestylte Männer und Frauen, die die ausgefallensten Kleider, Anzüge und Hüte trugen. Ich hätte stundenlang nur den tollen Kopfschmuck anschauen können. Im Zug stachen wir mit Jeans und T-Shirt „etwas“ aus der aufgestylten Masse hervor, das war sicher ein Bild für die Götter! 🙂 Wir waren also leicht underdressed und bekamen einen guten Eindruck davon, was uns erwartete. Vom Zug aus konnten wir auch einen kurzen Blick über das Renngelände erhaschen, allerdings kamen wir nach dem Aussteigen nicht näher heran, weil man gleich die Eintrittskarte zeigen musste und dort keine mehr kaufen konnte. Nach diesem Anblick war unsere Neugierde geweckt und wir entschieden uns, direkt am Melbourne Cup-Tag hinzugehen.
„You start at the top“
Die Karten waren gekauft, wir hatten uns feingemacht und ich hatte mir von Sarah einen so genannten „Fascinator“ (festlicher Kopfschmuck) geliehen. Dieses Mal waren wir also nicht underdressed, als wir in den
Zug zur Rennstrecke stiegen.
Im Gegensatz zum Derby Day, an dem das Wetter nicht so gut war, zeigte uns die Sonne, dass wir uns für den richtigen Tag entschieden hatten. Für mich war es das erste Pferderennen und in Deutschland wäre ich wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen, mal zu einem zu gehen. Aber der Melbourne Cup war schon ein besonderes Ereignis. Eine Australiern sagte mir: „You start at the top!“ Ja klar, wenn ich schon zu einem Pferderennen gehe, dann gleich zu einem erstklassigen. 😉 Als wir das Gelände betreten hatten, mussten wir zuerst an einem Stand unseren Ausweis zeigen („Proof of age“). Dort erhielten wir ein Bändchen und waren somit berechtigt, Alkohol zu kaufen. Es war wirklich unheimlich interessant, die Leute anzuschauen – besonders die Frauen. Die schönsten Kleider in den unterschiedlichsten Farben, Hüte und Fascinator in den tollsten Formen. Hier hieß es eindeutig: Sehen und gesehen werden! Tausende schick gekleidete Reitsportbegeisterte waren
schon dort, saßen auf dem Rasen und den Tribünen, tranken Sekt, ließen sich das Essen schmecken und schauten sich die ersten Rennen an. Nachdem wir uns etwas umgesehen hatten, holten wir uns auch etwas zu trinken und eine sündhaft teure Bratwurst (deren Sauce natürlich gleich auf meinem Kleid landete). Zwischen den Massen hatten wir einen Platz gefunden und machten es uns dort gemütlich. Blöderweise saßen hinter uns ein paar Deppen, die beim Rauchen nicht aufpassten und mir ein Loch in meinen Blazer brannten, den ich hinter uns gelegt hatte. Selbstverständlich waren sie sich keiner Schuld bewusst. Na ja, Idioten gibt es leider überall.
Wetten, dass…. der Deutsche gewinnt???
Wenn ich schon einmal bei einem Pferderennen war, wollte ich natürlich auch wetten! 🙂 Allerdings hatten wir überhaupt keine Ahnung von den Pferden oder Jockeys und informierten uns erst vor Ort.
Wir setzten beide 10 Dollar – der Flo auf das Pferd „Protectionist“ (dessen Trainer Andreas Wöhler unsere Aufmerksamkeit aufgrund seines deutschen Namens erlangte) und ich auf „Who shot the barman“ (weil ich den Namen so lustig fand). Man konnte darauf wetten, wer siegt oder auch, welches Pferd welchen Platz belegt. Überzeugt von unserer Wahl setzten wir beide auf Sieg. 🙂 Wer hätte gedacht, dass wir so einen guten Riecher für die Gewinner haben?! Denn Protectionist lief doch tatsächlich als Erster ins Ziel! Es war das erste Mal, das ein von einem Deutschen trainiertes Pferd den Melbourne Cup gewonnen hat! Dotiert war das Rennen mit 6 Mio Dollar (ca. 4,1 Mio Euro). Und „mein“ Pferd „Who shot the barman“ aus Neuseeland wurde Dritter! 🙂 So hat der Flo etwas über 80 Dollar gewonnen – genial! Im Zug zurück sprachen wir mit einem Mann, der durch „Protectionists“ Sieg einen Gewinn von mehreren tausend Dollar ausgezahlt bekommen hatte. Erst gewinnen die Deutschen die WM, dann den Melbourne Cup – was wohl als nächstes kommt? Das Rennen selber war ja schnell vorüber, aber trotzdem spannend mitanzusehen – besonders, wenn man „sein“ Pferd anfeuern kann. Später haben wir erfahren, dass zwei Pferde nach dem Rennen gestorben sind – ein japanisches brach kurz nach dem Zieleinlauf zusammen und ein australisches musste nach einem komplizierten Beinbruch eingeschläfert werden (es geriet durch eine Flagge aus dem Publikum in Panik und schug mit den Beinen gegen ein Eisengitter). Das ist echt traurig und ist scheinbar bei solchen Rennen keine Seltenheit.
Einen guten Eindruck vom Melbourne Cup bekommt Ihr auch durch die kurzen Videoaufnahmen:
https://www.youtube.com/watch?v=hAcHo8yaZAg&feature=youtu.be
https://www.youtube.com/watch?v=HhAUGPjPKjs&feature=youtu.be
Zwischendurch haben wir auch Rachel und Aida (meine Au Pair-Nachfolgerin)
getroffen, die einen Platz auf der Tribüne hatten. Es gab so viel anzuschauen, so dass die Stunden schnell vergingen. Zwar lagen nicht (wie angekündigt) überall Alkoholleichen herum, aber der Rasen sah am Ende schon nach einem Schlachtfeld aus und überall lag Müll herum. Als wir zusammen mit vielen tausenden nüchternen, angetrunkenen, schicken und nicht mehr ganz so schicken Reitsportfans – Gewinnern und Verlierern – das Gelände verließen, hatten einige Frauen ihre High Heels in der Hand, mein Blazer hatte ein Loch und meine Absätze sahen vom Rasen etwas ramponiert aus. Was für ein aufregender Tag! Ich bin froh, dass ich beim Melbourne Cup gewesen bin – vielleicht ist ja mein nächstes Pferderennen ja das von Ascot?! 🙂



























































































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