Mangelhafte Skizzen, 102 Millionen Dollar und ein Architekt wirft das Handtuch – das Opernhaus in Sydney
Posted from Sydney, New South Wales, Australia.
Nachdem ich etwa 5.000 Bilder von allen erdenklichen Seiten des Opernhauses gemacht hatte, war es an der Zeit, das Wahrzeichen Sydneys mal von innen anzuschauen. 🙂 Schön ist, dass es dreimal die Woche sogar Führungen auf Deutsch gibt. Der Rundgang dauert eine Stunde und ist mit 35 Dollar (etwa 23 Euro) nicht gerade billig. Da wir uns von den Erdmännchen im Zoo nicht losreißen konnten, kam ich gerade so pünktlich zur Führung, musste aber von der Fähre zum Opernhaus rennen. Kaum in Australien, schon war´s das also mit der deutschen Pünktlichkeit. Wir bekamen alle Headsets und los ging es.
Mit 1800 Auftritten und Konzerten, mit 1.4 Millionen Zuschauern und 8.2 Millionen Touristen, die jährlich an einer Führung teilnehmen, ist das Opernhaus das wichtigste Performance- und Kunstzentrum Australiens. Im letzten Jahr feierte es seinen 40. Geburtstag, denn es wurde im Oktober 1973 eröffnet. Die erste und einzige Veränderung an dem Gebäude wurde im Jahre 2006 vorgenommen – es bekam eine neue Fensterfront. In dem Opernhaus selber gibt es sechs Aufführungsorte. Wir wurden zuerst ins „Studio“ geführt (man darf in den einzelnen Räumen keine Bilder machen – warum auch immer), in dem 220 bis 350 Plätze untergebracht werden können. In dem Raum war früher die Bibliothek und eigentlich sollte er als Schacht für die Bühne genutzt werden, um die Kulissen nach oben und nach unten zu fahren. Dort hat zum Beispiel schon die Band „Coldplay“ ihre Studioaufnahmen gemacht. Das „Drama Theater“ dagegen besteht aus 544 Plätzen und wird an „performing arts companies“ vermietet. Einige berühmte Schauspieler traten in ihren Anfangsjahren hier auf, wie beispielsweise Mel Gibson und Nicole Kidmann, die in jungen Jahren angeblich im Sydney Opera House Programmhefte verteilt hat. Insgesamt haben im Opernhaus 5000 Besucher Platz! Im nördlichen Foyer der Konzerthalle liegt ein lila Teppich, der aufgrund der warmen und königlichen Farbe gewählt wurde und mir persönlich sehr gut gefällt. Pavarotti war davon allerdings nicht begeistert, als er im Rahmen eines Fotoshootings darauf posieren sollte. Er weigerte sich, den Teppich zu betreten, weil die Farbe Lila im italienischen Theater Unglück bringt! Erst als man ins Operntheater umzog, wo ein roter Teppich lag, war der Opernstar zufrieden. Künstler… 🙂
Das Foyer wird mit seiner tollen Aussicht auch für besondere Anlässe vermietet, so feierte zum Beispiel der australische Tennisspieler Lleyton Hewitt dort seine Hochzeit. Die „Konzerthalle“ ist der größte Aufführungsraum, der besonders für klassische Musik genutzt wird (aber auch für Jazz, Pop, etc.) und aufgrund der Akustik vollständig aus Holz ist. Die Sitzbezüge der Stühle sind aber pink! 🙂 Es gibt akustische Ringe über der Bühne, die je nach Größe des Orchesters heruntergelassen werden, eine akustische Decke bilden und somit den Ton schneller wieder zurückschicken können. Der Raum ist 22 Meter hoch und wurde schon für Auftritte von Cliff Richard, Liza Minelli und Ute Lemper genutzt. Außerdem finden dort auch Talkrunden statt, der Papst hat im Jahr 2007 im Rahmen des Weltjugendtages in dem Raum gesprochen und der Autor von „Games of Throne“ hat hier eine Lesung abgehalten.
Wie das Wahrzeichen Sydneys schließlich entstanden ist, ist eine wirklich interessante Geschichte: Ab 1950 dachten man daran, in der Stadt ein Opernhaus zu bauen. Deshalb wurde ein Komitee ins Leben gerufen, das 30 potentielle Standorte prüfte, sich für Bennelong Point entschied und schließlich 1955 einen internationalen Architekturwettbewerb ausrief. Die Resonanz war riesig, es gab 233 Entwürfe aus 32 Staaten und die meisten stellten quadratische Bauten dar. Der Entwurf Nr. 218 enthielt die einzig originelle Idee, wobei die Hallen nebeneinander gesetzt wurden und die schmale Halbinsel eine optimale Nutzung erfahren würde. Da dieser Entwurf aber mehrere Regeln des Wettbewerbs gebrochen hatte, lag er schon im Papierkorb, als ihn ein finnisch/amerikanischer Juror wieder ins Rennen brachte. Obwohl der Plan des damals gerade mal 38-jährigen Dänen Jørn Utzon mangelhaft ausgearbeitet war, sah der Juror das Potential der Idee. Den Entwurf hatte Utzon am Schreibtisch ausgearbeitet – ohne vorher je in Sydney gewesen zu sein. Utzon plante viel Glas ein, damit man im ganzen Haus den Hafen von Sydney sehen und sich wie auf einem Ozeandampfer fühlen konnte. Der bis dahin unbekannte Architekt gewann trotz der Mängel den Wettbewerb und Ende 1959 wurde mit den Arbeiten begonnen, obwohl keiner wusste, ob die Pläne überhaupt zu realisieren waren. Damals schätzte man, dass es drei Jahre bis zur Fertigstellung des Gebäudes dauern und es 7 Millionen Dollar kosten würde. Das Glas wurde extra aus Südfrankreich geliefert – es war das einzige Material, das nicht aus Australien stammte. Utzon sah keine Dachrinnen vor, so dass das Wasser in Ritzen abläuft und ins Hafenbecken fließt.
Die über 1 Millionen Kacheln des Dachs sind selbstreinigend und in 3-D-Form. Die muschelförmigen Dachschalen des Opernhauses, die jeder mit Sydney verbindet, waren aber eine bautechnische Herausforderung. Es wurde damals viel herumexperimentiert, 16 Möglichkeiten wurden getestet und selbst als sich das Fundament schon im Bau befand, waren die Dachschalen noch nicht fertig.
Utzon kam dann auf folgende Idee: Er ließ eine Reihe miteinander verbundener Segmente herstellen, von einem Kran hochhiefen und in der Luft zusammenfügen. Insgesamt waren am Opernhaus 1600 Arbeiter beschäftigt und es wurde viermal mehr Stahl verbaut als bei er Harbour Bridge! Natürlich kostete das Bauvorhaben viel mehr als gedacht, die Stadt sperrte das Geld schließlich im Februar 1966, als noch ein Großteil des Dachgewölbes fehlte. In Folge des Streits mit der Stadt legte Utzon seine Arbeit nieder und ein Gremium aus Architekten übernahm.
Nach schließlich 16-jähriger Bauzeit und einem Kostenvolumen von 102 Millionen Dollar war das Meisterwerk vollendet. Der Architekt Utzon kehrte allerdings nie nach Sydney zurück, um seine Idee live vollendet zu sehen. Da Utzon damals alle seine Pläne mitgenommen hatte, ist die Inneneinrichtung des Gebäudes nicht von ihm. Allerdings ist die Stadt im Jahre 1999 wieder an den Dänen herangetreten und Utzon hat von da an bis zu seinem Tod im Jahre 2008 wieder aktiv an Plänen für die Zukunft des Gebäudes mitgearbeitet. Um die Instandhaltungsmaßnahmen und die Veränderungen am Haus vor Ort zu begutachten, hatte er immer seinen Sohn geschickt.
Während ich jetzt alles über die Entstehung des Gebäudes wusste, wollte ich mich natürlich auch von dem Programm überzeugen. Für 25 Dollar ergatterten Regina und ich für diesen Abend noch Stehplätze für „La Soiree“ – eine Mischung aus Akrobatik, Comedy und Burlesque. Einige Trapeznummern waren sehr gut und auch so mancher Comedian war ganz lustig. Aber etwas befremdlich fanden wir es dann doch, als sich eine Frau, während sie erst aus sämtlichen Kleidungsstücken und später aus sämtlichen Körperöffnungen Tücher hervorzauberte, allmählich auszog und schließlich splitterfasernackt durch das Publikum lief. Eine Schwertschluckerin war genauso Teil des Abends wie ein als Queen verkleideter Kabarettist, tanzende Aborigines und eine Hula Hoop-Frau. So eine außergewöhnliche Mischung sieht man nicht alle Tage und jetzt wissen wir, dass die Australier scheinbar nicht sehr prüde sind. Übrigens gut, dass wir hinten standen, denn diejenigen, die für viel Geld Sitzplätze oder sogar einen Tisch hatten, wurden oft zur Freude aller anderen in das Programm miteinbezogen – bekamen einen Slip auf den Kopf gesetzt, das Bier weggetrunken und durften als Lachnummer herhalten 🙂 Die erste Aufführung, die ich also im Opernhaus in Sydney gesehen habe, war ein besonderes Erlebnis! 🙂


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