Auf dem Weg zu den drei Schwestern
Posted from Wentworth Falls, New South Wales, Australia.
An was denkt Ihr, wenn Ihr an Australien denkt? Nein Mädels, nicht (nur) an die Surfer! 🙂 Genau, an die Natur! Weil ich also nicht nur die Stadt Sydney, sondern auch die Natur drum herum kennenlernen wollte, machte ich einen Tagesausflug in die Blue Mountains mit. Um die naheliegendsten Gedanken gleich mal beiseite zu schieben: Nein, die Blue Mountains sind nicht wirklich blaue Berge, es ist nicht die Heimat der Schlümpfe (so viel ich weiß) und man sieht sie auch nicht nur, wenn man blau ist. Die Blue Mountains sind ein Gebirge, das rund 60km westlich von Sydney liegt und das zum UNESCO-Weltnaturerbe gehört. Seinen Namen hat es, weil die Blätter vom Eukalyptusbaum ätherische Öle absondern, die wie ein feiner Nebel über den Bergen liegen und bläulich schimmern.
Um 7 Uhr morgens begann das Abenteuer am Mc Donalds – wie hätte es auch anders sein können – vom Inbegriff der Zivilisation in die Wildnis. 🙂 Dort wurde ich mit einem kleinen Bus des Reiseveranstalters abgeholt. Diesen fuhr Amanda – blonde Dreadlocks, braungebrannt und Typ Naturmädel – und ließ uns mit ihrer redseligen und unterhaltsamen Art kaum eine Sekunde Zeit, uns für diesen Tag vom Großstadtleben zu verabschieden. Unsere Gruppe war sehr durchmischt: drei Mittzwanzigerinnen aus Schweden, eine Holländerin sowie eine weitere Deutsche in meinem Alter, ein deutscher Backpacker (der unter anderem mehrere Wochen lang für 40 Dollar am Tag Tomaten geplückt hatte, dafür um 2.30 Uhr aufgestanden war und in einem dreckigen Working Hostel mit Kakerlaken gewohnt hatte), ein Renterpärchen aus Australien, zwei indischstämmige Frauen aus England (beide waren super auf unseren Ausflug in die Natur vorbereitet: die eine mit offenen Pumps und die andere mit Lackballerinas), ein typisches Backpackerpärchen (haben nicht viel gesagt oder eher gar nichts, keine Ahnung woher die waren) und noch ein paar andere, die sich bei mir aber nicht so sehr eingeprägt haben. Amanda erzählte uns während der Fahrt so einiges Interessantes über Australien, Sydney und die Blue Mountains. Haltet Euch fest: Nicht die Engländer waren die ersten, die Australien „besucht“ haben (mal abgesehen von den Aborigines natürlich, die schon 50.000 Jahre lang dort gelebt haben), sondern die Chinesen!! Wie sollte es auch anders sein, die Chinesen sind ja auch echt überall. Hier in Australien sind so viele Chinesen, dass in einigen Läden nur Verkäuferinnen gesucht werden, die fließend Chinesisch sprechen. Also die Chinesen sind im zuerst im Norden Australiens angekommen und die Holländer an der Westküste.
Aber wie wurde Australien (flächenmäßig der sechstgrößte Staat der Erde, der älteste und flachste Kontinent) denn nun von den Engländern „entdeckt“?
Kapitän James Cook erreichte die Ostküste Australiens am 28. April 1770 und nahm das Land als britische Kolonie New South Wales in Besitz. Sein Hauptauftrag war aber eigentlich, den Venustransit auf Tahiti zu beobachten, um mehr über die Astrologie zu lernen. Danach öffnete er den versiegelten Umschlag, den er mit auf die Reise bekommen hatte, und las dort, dass er sich als nächstes die große südliche Landmasse anschauen sollte. Dabei haben die Engländer übrigens die Franzosen um zehn Tage geschlagen. Zu der Zeit waren die Gefängnisse in England total überfüllt, es gab viel Armut und eine hohe Kriminalitätsrate. So kam die Idee auf, Sträflinge auf die neu entdeckte Insel zu schicken. 1788 kam das erste Schiff an. Am Anfang waren es 1600 Menschen auf elf Booten (fast nur Männer und ein elfjähriger Junge). Sie gingen in Port Jackson (dort ist heute der Sydney Harbour) an Land und starteten am 26. Januar 1788 die Kolonie. An diesem Datum feiern die Australier den „Australia Day“! Es sollte eigentlich gleich eine zweite Flotte folgen, diese kam aber erst zwei Jahre später. Sie mussten alles, was sie für den Aufbau einer Kolonie benötigten, aus England holen – so brachten sie Pferde, Hasen und Füchse mit, die letztendlich schlecht für die heimische Flora und Fauna waren. Da Sydney auf Sandstein gebaut wurde, hatten sie große Schwierigkeiten, ewas anzubauen. Als schließlich endlich die zweite Flotte gekommen ist, war dies auch allerletzte Eisenbahn (darf man diese Redewendung bei Schiffen überhaupt verwenden?), denn sie hatten nur noch Essen für drei Monate. Danach dauerte es immerhin noch 25 Jahre bis die Blue Mountains durchquert worden sind. Unter den Gefangenen, die die neue Kolonie aufgebaut haben, gab es natürlich auch Fluchtversuche. Allerdings sind die Häftlinge nicht weit gekommen, weil um sie herum nur Wildnis war. Zu der Zeit ging (angeblich) auch das Gerücht um, dass sich China auf der anderen Seite der Blue Mountains befindet. Angesichts der Lebensumstände im damaligen England war es nachvollziehbar, dass einige Gefangene sagten: „Hierher zu kommen, war das Beste, das mir passiert ist.“ Wenn es keine Schwerverbrecher waren, haben die Menschen damals nach Ende ihrer Haftstrafe oftmals auch Land in der neuen Kolonie zugewiesen bekommen. So konnten sie dort neu starten. Im Jahre 1813 durchquerten dann drei Farmer erstmals die Blue Mountains, um die Kolonie vorm Verhungern zu retten. In den 1830ern wurde das erste Mal auf der anderen Seite der Berge Gold gefunden, das dann viele Menschen nach Australien lockte.
Soweit der kurze Abstecher in die Geschichte. Zwischendurch machten wir eine kurze Frühstückspause, bei der ich auch Regina (die ich beim Bildermachen an der Oper kennengelernt hatte und die aber leider in eine andere Gruppe gekommen ist) wieder traf und erfuhr, dass wir nochmal 35 Dollar extra zahlen mussten, wenn wir mit einer Seilbahn zu einem Rundgang durch den Regenwald fahre wollten. Tja, wenn man schon mal da ist… In den Blue Mountains angekommen, waren wir erst einmal etwas enttäuscht, denn das Wetter war auch an diesem Tag nicht gut, es nieselte und war sehr neblig. Am Aussichtspunkt „Kings Tableland“ oder „Evans Lookout“ (Laut Tourinfo „The best place to view the wilderness of the Blue Mountains“) angekommen sahen wir…NICHTS! Nur Nebel! Super, dafür hatten wir also den Tagesausflug gebucht?! Amanda fand, dass die Berge so auch eine tolle Atmosphäre hätten. Klar, sie wusste ja auch was hinter der Nebelwand war! Mir kam es eher so vor wie in dem Film „Gorillas im Nebel“! 🙂 Aber, so viel kann ich Euch schon verraten, wir durften an diesem Tag noch einige tolle Ausblicke genießen. Aber zuerst stapften wir alle bei Nieselregen (ich habe natürlich keinen Regenschirm oder eine Regenjacke dabei – wer konnte denn auch mit so einem Wetter rechnen!) einen Weg durch den Wald und unter Felsen hindurch, der teilweise ziemlich rutschig und voller Pfützen war. Unsere Damen aus England waren aufgrund ihres guten Schuhwerks immer etwa einen Kilometer hinter uns. Bei den Wentworth Falls, den Wasserfällen angekommen, sahen wir etwas Wasser, ein spektakuläres Warnschild und NEBEL… Es konnte nur besser werden. Als fleissige Touristen ließen wir uns natürlich auch durch das Wetter nicht vom Bildermachen abhalten und hielten die Natur, die wir sehen konnten, mit der Kamera fest.
- Was für eine spektakuläre Aussicht! 🙂
- Amanda störte sich nicht am Wetter
- Die drei Schwedinnen
- NATUR! 🙂
- So ein bisschen Regen hält mich doch nicht vom Bildermachen ab!
- Hätte uns das Schild nicht darauf hingewiesen, wir hätten durch den Nebel gar nicht gesehen, wo wir standen!
Zur Mittagszeit trafe wir in Leura ein. Das ist ein beschauliches kleines Städtchen in den Blue Mountains mit sehr schönen kleinen Läden und schnuckligen Cafés. Zusammen mit der Holländerin aß ich ein Pie mit Lammfleisch und knüpfte Kontakt zu unserem Nachbarland. 😉 Anschließend fuhren wir nach Katoomba und besuchten dort „Scenic World“ – ein abgetrennter und für Touristen mit Wegen ausgebauter Bereich im Regenwald der Blue Mountains, der mich im ersten Moment etwas an „Jurassic Park“ erinnerte… Dort fuhren wir mit der (angeblich) steilsten Bahn der Welt (52 Grad) in den Regenwald hinunter. Diese Bahn wurde früher dazu genutzt, Kohle den Berg hinauf und nach Katoomba zu transportieren. Die erste Kohlmine öffnete im Jahr 1878 und bis in die späten 1930er gab es dort 40 Minen. Zahlreiche Infotafeln, ein alter Kohlewagen, Werkzeuge und ein alter Mineneingang bringen den Besuchern diese Zeit anschaulich näher. Zusammen mit Angela – einer Deutschen, die ein für ein paar Wochen Australien und Neuseeland bereist – erkundete ich den Regenwald. Erstmals an diesem Tag roch es dort auch etwas nach Eukalyptus, den bläulichen Dunst sahen wir aber (noch) nicht. Wir hörten viele Vögel, sahen aber außer einem Lyrebird kein Tier. Die Lyrebirds sind typisch für Australien, habe lange Schwanzfedern, scharren am Boden nach Nahrung und können perfekt Geräusche nachahmen.
- Leura
- Mal etwas anderes – coole Idee (im wahrsten Sinne des Wortes :-))!
- Das waren noch Zeiten!
- Die steilste Bahn der Welt!
- Angela und ich waren gespannt, was uns erwartete
- Es war wirklich steil…
- Der Nebel lichtet sich
- Was für eine Aussicht!
Zwischenzeitlich hatte sich Gott sei Dank der Nebel etwas gelichtet und wir konnte die „Drei Schwestern“ sehen. Diese Felsformation ist ganz bekannt und die Aborigines erzählen sich dazu folgende Geschichte: Ein weiser alter Mann und Jäger hatte drei Töchter, denen er verboten hatte, sich an den Klippen aufzuhalten. Als diese das eines Tages doch machten, wollten drei Männer sie kidnappen. Da er nicht mehr rechtzeitig dort sein konnte, verwandelte der Vater seine Töchter mit seinem magischen Wunschknochen in drei Felsen, um sie zu schützen. Danach wurde er von den drei Männern gejagt und, um nicht gefasst zu werden, verwandelte er sich in ein Lyrebird. Da er aber den magischen Wunschknochen auf der Flucht verloren hatte, blieben seine drei Töchter bis heute Felsen und der Vater sucht noch immer auf dem Boden nach seinem Wunschknochen (und scharrt daher immer auf dem Boden herum). Dabei singt er immer „Ich muss meinen Wunschknochen finden.“ Regina hat diese Geschichte von ihrem Tourguide etwas abgewandelt erzählt bekommen, aber wir hatten erfahren, dass sich die Geschichten der Aborigines je nach deren Herkunft unterscheiden können. Angela und ich haben also den alten Mann gesehen, der auf der Suche nach seinem Wunschknochen war! 🙂
Danach versammelten wir uns alle wieder im Bus und Amana fuhr mit uns nochmal zu einem Aussichtspunkt, der eigentlich nicht auf dem Plan stand, so dass wir doch noch einen genialen Ausblick über das Tal hatten. An dieser Stelle konnte man auch den berühmten bläulichen Dunst sehen. Das hatte sich dann wirklich noch gelohnt. Auf dem Rückweg machten wir an einer Stelle Halt, die niemandem aufgefallen wäre: Im Steinboden waren die Umrisse eines Kängurus und eines Bumerangs zu sehen. Insgesamt gibt es in dieser Gegend 1500 solcher Känguru-Umrisse, die den Aborigines als Orientierung dienen. Dort erzählte uns Amanda ein bisschen was über die Ureinwohner Australiens: Aborigines sind älteste Kultur der Erde, die immer noch existiert und sie leben schon etwa 50.000-70.000 Jahre in Australien. Damals waren sie mit Kanus aus Asien gekommen. Die Aborigines geben ihr Wissen im Rahmen eines Initiationsprozesses (beginnt etwa mit 8 Jahren) von Generation zu Generation durch Geschichten weiter – nichts ist aufgeschrieben! Durch die Geschichten orientieren sie sich in der Natur. Interessant ist auch, dass Männer und Frauen unterschiedliche Geschichten beigebracht bekommen – die Männer nur die der Männer und die Frauen nur die der Frauen. Dadurch sind Mann und Frau aufeinander angewiesen und können nicht ohne einander. Das widerspricht völlig der Emanzipation der Frauen bei uns. 🙂 Allerdings ist es auch irgendwie gerecht, da ja auch die Männer nicht ohne die Frauen können. 🙂 Die Aborigines jagen übrigens nur so viel wie sie wirklich brauchen, auf keinen Fall mehr. Wenn nur die Möglichkeit besteht, dass sie nicht alles aufbrauchen könnten, dann jagen sie lieber weniger und hungern. Das ist einer der großen Unterschiede zu uns: Wir häufen Güter an, sparen und fühle uns nur sicher, wenn wir möglichst etwas in Reserve haben. Nachdem die Weißen nach Australien gekommen sind, brach eine schlimme Zeit für die Aborigines an – innerhalb der ersten sieben Jahre starben 75% der Aborigines in der Gegend von Sydney. Viele starben an Krankheiten, die durch Ratten, die sich auf den Schiffenn befanden, übertragen hatten. Außerdem hat der Körper von Aborigines keine Toleranz in Bezug auf Alkohol. Auch Geburtsdaten wie wir sie haben, kennen die Aborigines nicht, sie orientieren sich nur an den Jahreszeiten. So heißt es dann zum Beispiel „Ich bin geboren im Jahr des langen Winters…!“ 😉 Insgesamt gibt es 500 verschiedene Dialekte auf dem ganzen Kontinent und 300 „Länder“ der Aborigines. Erst ab 1976 durften die Aborigines wählenDen Aborigines in Australien geht es also ähnlich wie den Indianern in den USA. Als ich in Sydney war, habe ich eine Aborigine mit ihrer Tochter gesehen, aber das waren in den zehn Tagen auch die einzigen.
Am Ende des Tages sind wir dann mit dem Boot auf dem Parramatta Fluss (der dann zum Hafen von Sydney wird) zurück nach Sydney gefahren. Dort habe ich dann auch Regina wiedergetroffen, die mit ihrem Guide auch dorthin gekommen ist. Leider war es ziemlich bewölkt und kein tolles Wetter für eine Bootstour, aber es war trotzdem interessant zu sehen, was für Häuser an der Küste stehen. Anschließend bin ich dann noch mit Angela, Kerstin und Daniel (einem weiteren Deutschen, der nun für einige Jahre in Sydney arbeitet) am Bondi Beach was essen gegangen – der Strand ist halt einfach traumhaft!
So, nun habe ich wenigstens mal einen kleinen Einblick in die Natur bekommen und bin gespannt auf mehr! 🙂




























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