Auf der Suche nach einer Tür und einem Fenster

20. Mai 2015 at 17:23

Posted from Melbourne, Victoria, Australia.

Nach einem halben Jahr endete meine Zeit als Au Pair bei Rachel und Tristan und für mich begann ein neues Kapitel in Melbourne. Weil ich mich in der Stadt am Yarra River so wohl fühlte, beschloss ich auch in den kommenden Monaten dort zu bleiben und von da aus Trips in unterschiedliche Ecken Australiens zu machen anstatt (wie ich zuerst überlegt hatte)  woanders hinzuziehen. Doch wo sollte ich wohnen? Ein paar Wochen vor meinem Outbacktrip begann ich mit der Zimmersuche und stellte fest, dass die Australier auch beim Umziehen sehr spontan agieren. Kaum einer plant Wochen oder gar Monate im Vorraus. Dementsprechend kurzfristig werden Wohnungen und Zimmer vermietet. In den Anzeigen steht dann zum Beispiel drin, dass jemand gesucht wird, der morgen einziehen kann. Obwohl ich mich in den sechs Monaten in Down Under schon an die Lockerheit und das Nicht-so-sehr-Planen gewöhnt hatte, stellte dies meine Nerven doch etwas auf die Probe. Je mehr Tage vergingen, desto nervöser wurde ich. Mittlerweile kannte ich genug Leute in Melbourne, dass ich keine Angst haben musste, von heute auf morgen unter einer Brücke schlafen zu müssen (in der Nähe vom Sea Life unter einer Brücke beim Yarra Fluss schlafen übrigens wirklich einige Obdachlose direkt neben einem Weg, an dem viele Touristen und Einheimische vorbeilaufen). Die liebe Familie des Mädchens, auf das ich einmal die Woche aufpasste, hatte mir sogar angeboten, übergangsweise bei ihnen zu wohnen. Das war sehr nett, aber ich wollte schon gern gleich ein richtiges Zimmer finden.

Zu viert in einem Zimmer?

An Zimmerangeboten mangelt es in Melbourne nicht, allerdings hatte ich durch die zentrale Lage in Southbank und die tolle Ausstattung unseres Wohnkomplexes inzwischen doch gewisse Ansprüche. 😉 Zentral sollte es sein, möglichst mit Fitnessraum/ Pool, halbwegs bezahlbar, möbliert und ein Zimmer für mich allein wollte ich auch haben. Nachdem ich damals in Washington mein Zimmer mit einer Kanadierin geteilt hatte, wollte ich für die nächsten Monate meine Privatsphäre. Weil in Melbourne viele Studenten und Backpacker aus aller Welt eine Unterkunft suchen und die Mieten so hoch sind, werden doch tatsächlich alle möglichen Räume angeboten und möglichst viele Menschen auf engem Raum zusammengequetscht. Wohnzimmer von WGs werden vermietet, mit Raumteilern als „Zimmer“ deklariert und es ist nicht unwahrscheinlich, dass acht Leute in einer Drei-Zimmer-Wohnung leben. Die Mieten sind dann nicht – wie zu erwarten wäre – niedrig, sondern gerade mal normal. Mir wurde zum Beispiel ein Platz in einer Drei-Zimmer-Wohnung in St. Kilda (Strandnähe, sehr cool) angeboten, allerdings als vierte Person in einem Zimmer, in der schon zwei Kerls und ein Mädel gelebt haben. So verzweifelt war ich dann doch noch nicht. Ich schrieb auf viele Anzeigen und schaute mir drei Zimmer an. Das erste lag zentral bei der Southern Cross Station (Bahnhof in den Docklands, zentral in der Innenstadt). Das Zimmer hatte nur eine Schiebetür, kein Fenster und keinen Schrank (nur eine Stange für die Klamotten). Dort hätte ich mit einer Asiatin und ihrer Schwester (die sich ein Zimmer teilten) zusammengewohnt. Alfie (als ich mit ihr per E-Mail Kontakt hatte, dachte ich aufgrund des Namens, sie wäre ein Kerl ;-)) war Studentin, zwar ganz nett und wollte keine Kaution, dafür war die Miete (normal) teuer. Aber ein Zimmer ohne richtige Tür wollte ich dann doch nicht, da musste es doch etwas Besseres geben. Die zweite Wohnungsbesichtigung war nur ein paar Meter weiter in einem Hochhaus, das erst renoviert worden ist. Jay war auch Asiate, hatte die Wohnung gekauft und alles sah sehr steril aus. Das Zimmer, das er vermieten wollte, ging vom Wohnzimmer ab, hatte auch nur eine Schiebetür (was war das nur mit all den Schiebetüren?!), kein Fenster und das Tollste war, dass man durch die Schiebetür durchschauen konnte. Hätte Jay also im Wohnzimmer Besuch gehabt, hätte ich mich nicht mal umziehen können, ohne beobachtet zu werden. Wunderbar und das für 250 Dollar die Woche! 🙂

Zwei Häuser weiter

Die dritte Wohnungsbesichtigung war ein totaler Glücksgriff. Unser Wohnkomplex IMG_7963hat eine Facebookseite und dort hatte ich gepostet, ob jemand zufällig in nächster Zeit aus seinem Zimmer auszieht. Kurze Zeit später bekam ich schon eine Nachricht von einem Kerl, dass er bald wegzieht und ich mich mit seiner Mitbewohnerin Sarah in Verbindung setzen kann. Eine Woche vor unserem Outbacktrip traf ich mich mit ihr. Die Wohnung war von der Aufteilung fast so wie Rachels, hatte nur ein Zimmer weniger und Sarah und ich verstanden uns sofort gut. Sarah ist Australierin, Mitte 30, hatte im Kommunikationsbereich bei der Regierung gearbeitet, gekündigt und verdient ihren Lebensunterhalt jetzt als Fitnesstrainerin. Das Zimmer hatte eine richtige Tür (Juhu! Unglaublich, dass man das erwähnen muss ;-)), ein Fenster (natürlich wie überall nicht gut isoliert), ein Bett und einen eingebauten Kleiderschrank. Perfekt! Die Miete und Kaution waren für die Lage und den Wohnkomplex auch ok, ich konnte zum gewünschten Zeitpunkt einziehen und auch alle Möbel, die Waschmaschine, Bügeleisen, Küchenutensilien, etc. von Sarah mitbenutzen. Sie hatte auch mal ein Jahr in Europa gelebt, so dass sie sich gut in meine Lage hineinversetzen konnte. Ich freute mich, dass ich im selben Appartmentkomplex bleiben konnte, weil ich gerne weiter so zentral wohnen, den Pool und den Fitnessraum nicht mehr missen wollte und ich so auch alles per Fuß umziehen konnte.

Sarah, der Bachelor und ich

Eine Woche nach meiner Outbacktour zog ich um. Man glaubt es nicht, wieviel Zeug man in einem halben Jahr ansammelt. IMG_2357Einen Schreibtisch und einen Stuhl kaufte ich mir gebraucht übers Internet, von Rachels Freundin Barabara bekam ich zwei kleine Regale, die sie nicht mehr brauchte, Sarah hatte auch noch ein Regal für mich und Julie (der Mutter des Mädchens, auf das ich einmal die Woche aufpasste) lieh mir Bettwäsche und ein Kissen. Es war zwar alles etwas improvisiert, aber für die paar Monate völlig in Ordnung. Ich fühlte mich sofort wohl bei Sarah, wir schauten jeden Mittwoch zusammen den „Bachelor“ und regten uns über die Kandidatinnen auf (von einer, die dann keine Rose mehr bekam, wurde ich später mal in einer Drogerie in der Melbourner Innenstadt bedient ;-)) und gingen auch mal zusammen aus. Es war super, dass ich mit einer IMG_9714Australierin zusammenwohnte, denn wir unterhielten uns oft über das Land, die Politik, das Reisen, die Sprache und ich erzählte ihr von Deutschland. Die sprachlichen Feinheiten beschäftigten uns auch ab und an, so zum Beispiel der Unterschied zwischen der Verwendung von „cup“ und „mug“. 😉 Lustigerweise lernte sie zu der Zeit, als ich bei ihr wohnte, einen Deutschen kennen, mit dem sie dann zusammen gekommen ist. Blöd war nur, dass wir erst nach vier IMG_9713Wochen Internet hatten, weil der Vormieter irgendwie seinen Vertrag mitgenommen hatte und immer irgendetwas mit dem Anschluss nicht klappte. Also hielt ich mich in der Zeit oft in der State Library auf und nutzte dort das kostenlose W-Lan, um E-Mails zu schreiben, Jobs zu suchen, meinen Blog upzudaten, etc. Ich mochte die Atmosphäre dort – umgeben von fleißigen Studenten und Büchern! 🙂 Leider wurde es im australischen Winter in meinem Zimmer auch richtig kalt. Die Zimmer sind ja wirklich schlecht isoliert, wir hatten nur eine Kombination aus Klimaanlage und Heizung in der Decke im Wohnzimmer (das reichte nicht bis in unsere Zimmer) und die elektrische Standheizung zog unheimlich viel Strom, so dass wir sie nicht anschalteten. Deshalb ging ich eine zeitlang mit Wärmflasche ins Bett und war dreimal ziemlich stark erkältet. Drei Monate wohnte ich bei Sarah – bis zu unserer Ostküstentour.