Deutschunterricht für Surfstunden
Posted from Sydney, New South Wales, Australia.
Wenn man in Bondi Beach wohnt, hat man den Eindruck, es gibt nur drei Kategorien von Menschen: Erstens die Jogger, zweitens die Surfer und drittens die Touristen. Kategorie eins und zwei überschneiden sich oft und Kategorie drei versucht sich teilweise so gut es geht, den ersten beiden anzupassen. So habe ich mich auch nach ein paar Tagen gefragt, wo ich mich denn gerne wiederfinden möchte. Joggen war noch nie mein Fall und außerdem laufe ich jeden Tag beim Sightseeing mindestens genauso viel. Als Tourist ist man leider immer irgendwie zu erkennen und wenn es nur dadurch ist, dass man mit Kamera bewaffnet zum hundertsten Mal das Meer fotografiert, von Kopf bis Fuß käsweiß ist und beim Englischsprechen einen nicht zu verkennenden deutschen Akzent hat. Mein Ziel war es also, wenigstens für wenige Stunden von Kategorie drei in die viel coolere Kategorie zwei zu wechseln. Einmal so lässig mit dem Surfbrett zum Strand laufen, durch die Wellen paddeln und sich gekonnt durch das kühle Nass bewegen – das hörte sich verlockend an.
Als eine Australierin dann jemanden suchte, der ihr etwas Deutsch beibringt und dem sie im Austausch dafür das Surfen zeigt, war ich daher sofort begeistert! Da wollte mir das Schicksal doch etwas mitteilen! Die Anzeige war wie für mich gemacht und die Australierin meldete sich auch sofort. Wir verabredeten ein Treffen für Montag und ich war schon ziemlich aufgeregt. Allerdings dachte sich das Schicksal, dass ich es nicht zu einfach haben sollte und zauberte mir einen Wetterwechsel mit bevölktem Himmel, viel Wind und dementsprechend hohen Wellen. Kein Problem für mich, denn schließlich stand ich auch noch nie auf einem Snowboard und war in meiner Jugend sicherlich ganze dreimal Skateboard gefahren! So schwer sah das Surfen ja auch nicht aus. Aber zuerst die Arbeit – der Deutschunterricht. Lucy ist 20 Jahre alt, eine waschechte Australierin, in Bondi Beach aufgewachsen und steht seit sie sechs Jahre alt ist auf dem Surfbrett. Ihr Freund ist Deutscher und daher möchte sie Deutsch lernen. Ein bisschen was kann sie schon und sie versteht einiges, aber sie wollte für den nächsten Urlaub in Deutschland gerüstet sein. Tja, wo fängt man da am besten an? Wir gingen klassische Gesprächssituationen durch, ich erklärte ihr den Unterschied zwischen „Du“ und „Sie“, zeigte ihr, wie man Verben konjugiert und übte die ersten zehn Zahlen mit ihr. Wir verstanden uns gut, unterhielten uns viel und nach einer Stunde rauchte ihr der Kopf. „Wollen wir jetzt surfen gehen?“ – das war mein Stichwort. Natürlich! Nachdem sie sich zu Hause umgezogen und das Surfbrett geholt hatte, ging es an den Strand.
Dort waren aufgrund des Wetters nur die Profis im Wasser und Lucy war gar nicht erfreut, mich Anfängerin in diese hohen Wellen zu lassen. „Willst Du da wirklich rein?“, fragte sie mehrfach. Etwas mulmig wurde mir schon, wenn ich die Wellen und das unruhige Meer so anschaute aber ich wollte ja auch nicht weit rein und wenigstens einen kleinen Eindruck vom Surfen bekommen. Also erklärte mir Lucy kurz ein paar grundlegende Sachen am Strand.
Dann ging sie erstmal ins Wasser, um mir zu zeigen, wie ein erfahrener Surfer das so macht. Aber auch sie hatte Schwierigkeiten, die richtige Welle zu erwischen.
Dann war ich an der Reihe. Schon als wir ein paar Bilder von mir mit Surfbrett machten, merkte ich, dass die Dinger verdammt schwer und unhandlich sind. So locker unter den Arm klemmen, klappte bei mir irgendwie nicht. Es sah wohl eher so aus, als ob ich einen Sandsack schleppte. Mit besorgtem Blick ließ mich Lucy ins Wasser ziehen, nachdem ich mir das Surfbrett mit der Fangleine (ich muss zugeben, ich musste nachschauen, wie dieses Seil mit dem Klettverschluss heißt :-)) an das rechte Bein gebunden hatte. Tja, dann stelle ich mir die Fragen, die wir irgendwie nicht richtig geklärt hatten: „Wie weit läuft man eigentlich ins Wasser bis man das Board ins Wasser legt und mit dem Paddeln beginnt?“ „Wie macht man es, dass einen die Wellen nicht umhauen?“ „Wann versucht man sich mit dem Board richtig zum Strand zu drehen, um dann aufzustehen?“ Oder noch wichtiger „Wie drehe ich diese schwere Brett denn um und versuche gleichzeitig, nicht von der Welle umgeworfen zu werden?“ Also, ich Ihr Euch vorstellen könnt, war es ein großer Erfolg. Ich lief nicht weit genug ins Wasser; legte das Brett zwischen meine Beine und nicht neben mich (sehr gefährlich, aber das wusste ich auch erst hinterher); hatte bei jeder Welle, die auf mich zukam, Angst und wusste nicht, was ich nun als erstes machen sollte: weiter paddeln, das Brett umdrehen oder auf dem Brett festklammern.
Aber das war auch egal, denn die Wellen schmissen mich eh jedes Mal runter, das Surfbrett flog sonstwohin und ich konnte es gar nicht schnell genug wieder zu mir hinziehen bis die nächste Welle kam. Es muss schlimm ausgesehen haben und die Profis haben sicherlich die Hände über den Kopf zusammengeschlagen. Lucy versuchte mir so gut es geht vom Strand aus Hilfestellungen zuzuschreien und mir Zeichen zu geben. Allerdings konnte ich die nicht erkennen, weil ich meine Kontaktlinsen nicht drinnen hatte.
Nach gefühlten 5 Stunden, aber wohl eher nach 20 Minuten gab ich erschöpft auf und robbte mit Brett an Land. Lucy entschuldigte sich mehrfach total lieb, dass die Wellen heute so hoch und die Bedingungen für eine Anfängerin so schlecht waren. So ein Quatsch, da konnte sie doch nichts dafür! Jetzt hab ich mal einen kleinen Einblick bekommen und weiß, dass Surfen viel schwerer ist als es aussieht. Aber zumindest lag und saß ich nun schon auf einem Surfbrett! Lucy hat gesagt, ich soll mich auf jeden Fall melden, wenn ich mal wieder in Sydney bin, dann gehen wir nochmal surfen, sie nimmt ein zweites Surfbrett mit, geht mit raus und kann mir dann immer sagen, was ich als nächstes machen soll. Das hört sich gut an. Es sei an dem Tag auch schwer, gab sie zu, die Wellen einzuschätzen – auch für sie, die die Wellen „lesen“ kann. Ich war fix und fertig – die Wellen hatten für heute gewonnen – aber ich komme irgendwann wieder und dann geht´s weiter! 🙂 Trotz allem war dies ein toller Vormittag mit einer sehr sympathischen Australierin – mein erstes Surferlebnis werde ich sicherlich so schnell nicht vergessen!
Übrigens freue ich mich immer total über Eure Nachrichten und Kommentare!! Also bitte weitermachen! 🙂 Und haltet mich auf dem Laufenden, was bei Euch so passiert, damit ich nichts Wichtiges verpasse! 😉







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