Outbacktour Tag 1: Alice war nie in Alice Springs

12. Mai 2015 at 18:31

Posted from Alice Springs, Northern Territory, Australia.

Foto 2-22Wer hätte gedacht, dass ich in Australien die bisher kälteste Nacht meines Lebens verbringen werde? Ich sicher nicht. 😉 Mehr dazu aber später. Australien verband ich immer mit drei Sachen: dem Opernhaus in Sydney, dem Great Barrier Reef und dem Ayers Rock. Obwohl ich das Jahr Down Under (entgegen meinem eigentlichen Hang zur Planung) so weit wie möglich auf mich zukommen lassen und vieles vor Ort spontan enscheiden wollte, war für mich von Anfang an klar, dass ich diese drei Punkte auf jeden Fall sehen möchte. Das Opernhaus war eines meiner ersten Anlaufpunkte in meinen ersten zehn Tagen in Sydney, das Schnorcheln am Great Barrier Reef sollte später bei unserer Ostküstentour folgen und im Juli stand eine Tour ins Outback an. Zusammen mit der Sophie plante ich diesen Trip, nach dem sie weiter die Ostküste bereiste und danach nach Deutschland zurückflog. Sie überredete mich, eine Tour zu buchen, bei der man in Swags im Freien schläft. So viel dazu, dass ich in Australien Sachen gemacht hab, die ich vorher nie für möglich gehalten habe. 😉 Ich war ja nie der große Camper, bisher habe ich einmal als Kind in einem Zelt übernachtet und während der Abifahrt auf dem Sportplatz eines Jugendzentrums in Rom draußen geschlafen. Das war´s und ich hätte nicht gedacht, dass ich mal mitten im Outback ohne Zelt im Freien schlafe – in einem Land, in dem es die giftigsten Schlangen, Spinnen und allerlei anderes Getier gibt. 🙂 Tja, dieses Erlebnis macht man nur einmal im Leben und ich bin froh, dass wir diese Tour gebucht hatten – unsere Erlebnisse im australischen Outback werde ich sicher nie vergessen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich wahrscheinlich genauso viel über „Swags“ wie Ihr – wahrscheinlich gar nichts. Ich hatte den Namen das erste Mal in Australien gehört und ließ mir sagen, dass es eine Art festerer Ganzkörper-Schlafsack ist, der eine Art Guckloch am Kopfende hat. Was mich bei der Tour allerdings beruhigte, war die Tatsache, dass es Toiletten und Duschen gab – denn bei manchen Outbacktouren hat man tagelang nicht die Möglichkeit, sich richtig zu waschen. Urgggg…. Abenteuerlustig wie wir waren buchten wir also die dreitätige (mit An- und Abreise fünftägige) „Emu Run Tour“ für Anfang Juli.

Auf ins Northern Territory

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David und Tommi waren schon um 6 Uhr morgens fit 😉

Nach dem WM-Spiel Deutschland gegen Frankreich, das ich während des Packens nachts im Internet mitverfolgt habe, machte ich mich auf dem Weg zum Bahnhof Southern Cross und traf mich dort um 6 Uhr morgens mit den beiden Jungs. Per Shuttlebus fuhren wir zum Flughafen und wollten uns dort mit der Sophie treffen. Um 8.45 Uhr sollte unser Flugzeug abheben und der Schalter der Fluglinie „Tigerair“ schloss eine Dreiviertelstunde vorher. Leider war ihr Gastvater nicht gerade der zuverlässigste, so dass sie völlig abgehetzt und fertig um 8 Uhr in die Schalterhalle rannte. Das war wirklich allerletzte Eisenbahn, denn der online-Check-in nahm schon niemanden mehr an. Gott sei Dank waren die am Schalter nett und ließen die Sophie noch mit. Puh, das war knapp und ganz schön nervenaufreibend am frühen Morgen. Aber es hat ja schließlich alles noch geklappt. Erleichtert saßen wir vier im Flugzeug und es ging ins Northern Territory!

Wohin mit der Telegrafenleitung?

IMG_7257Als wir rund drei Stunden später in dem Örtchen Alice Springs landeten, freuten wir uns auf das große Abenteuer! Von der Großstadt ging es ins „wahre“ Australien – mitten ins Nirgendwo. 🙂 Über Alice Springs hatte ich schon einiges gehört, nie war viel Gutes dabei. Die Stadt ist Ausgangspunkt der meisten Outbacktouren, besonders zum Ayers Rock oder wie er in Australien heißt zum „Uluru“. In Alice Springs ist nicht viel Sehenswertes, die Stadt weist eine hohe Kriminalitätsrate und einen hohen Anteil an Aborigines auf. In Work-und-Travel-Foren habe ich öfter mal gelesen, dass Backpacker in Alice Springs überfallen worden sind. Doch wie ist dieses Städtchen mitten in der Pampa überhaupt entstanden? Im Jahre 1871 wurden zwei Landvermesser damit beauftragt, eine geeignete Route für eine Telegrafenleitung zwischen Darwin und Adelaide zu finden. Sie entschieden sich für einen Felseinschnitt durch eine Gebirgskette einige Kilometer südlich des heutigen Alice Springs, weil dort eine Quelle entdeckt worden ist. Diese nannten sie „Alice Springs“ zu Ehren der Frau des damaligen Verwaltungsdirektors der Telegrafengesellschaft Charles Todd. IMG_7266Ein Jahr später war die Telegrafenleitung zwischen Adelaide und Darwin vollendet und somit via Indonesien und Indien auch die Verbindung mit London hergestellt. Da Morsezeichen nur rund 300km weit gesendet werden konnten, war Alice Springs als Telegrafenstation äußerst wichtig. Ach übrigens ist die echte Alice, die Namensgeberin der Stadt, nie in Australien gewesen. Es war so abgelegen, dass die 100 Einwohner bis in die 1930er Jahren nur mit Karamelkarawanen (die Kamele kamen aus Afghanistan – es gibt heute etwa 1 Mio Kamele in Australien, das war mir vorher auch nicht bewusst) versorgt werden. Erst als 1929 die Eisenbahnlinie die Stadt erreichte und der Stuart Highway zwischen Alice Springs und Darwin im Zuge des Zweiten Weltkriegs fertig gestellt wurde, entwickelte sich die Stadt zu einem Umschlagplatz der inneraustralischen Rinderindustrie. Als dann die Touristen das Städtchen entdeckten, verzwanzigfachte sich die Bevölkerung zu Beginn der 1970er Jahre. Heute hat Alice Springs über 28.000 Einwohner, wovon laut Zensus 19% Ureinwohner Australiens sind. Übrigens sind 28% der Bevölkerung des Northern Territorys Aborigines.

„White men come here“

IMG_7277Wenn man allerdings durch die Stadt läuft, hat man eher den IMG_7258Eindruck, als ob sie 80% der Bevölkerung stellen. Lebt man in Großstadtädten wie Sydney oder Melbourne, sieht man vielleicht mal ein oder zwei Ureinwohner. Alice Springs war deshalb für mich wie eine andere Welt. Nachdem wir mit einem Shuttlebus zu unserem Hostel gebracht worden sind und dort eincheckten, sahen wir uns zusammen mit ein paar anderen Backpackern das Städtchen mal näher an. Dabei begegneten wir kaum anderen Touristen, das war schon verwunderlich, da die meisten Outbacktouren von hier starten. Dafür saßen an jeder Ecke Aborigines, die etwas verkauften oder sich unterhielten und man sah wirklich nur vereinzelt Weiße. Man kommt sich schon komisch vor und fühlt sich etwas unwohl, wenn man deutlich erkennbar als Tourist mit Kamera durch einen Ort läuft und man so viele Menschen sieht, die offensichtlich arm sind. Die Ureinwohner saßen in Gruppen zusammen, standen an der Straße oder vor dem Supermarkt. Manche riefen uns auch etwas hinterher, wie zum Beispiel eine Frau, die David und Tommi dazu aufforderte, zu ihr zu kommen: „White men come here.“ Es war irgendwie unangenehm, weil man weiß, dass die Aborigines jahrzehntelang von der Regierung ausgegrenzt, benachteiligt sowie schlecht behandelt worden sind und ihnen Kinder und Land weggenommen wurden. Zwar hat sich in Australien im Laufe der letzten Jahrzehnte diesbezüglich einiges getan, aber viele Ureinwohner leben immer noch am Rande der 10449491_10152130338118414_606263121469413416_nGesellschaft, haben Schwierigkeiten bei der Jobssuche, sind arbeitslos und einige auch Alkoholiker. Bei vielen Menschen, die wir hier sahen, traf das zu. Vor dem Supermarkt „Coles“ sprach uns auch eine Frau an, die uns bat, für sie im „Bottle Shop“ eine Flasche Wein („White Tail“) zu kaufen, weil es ihr nicht mehr erlaubt sei, den Laden zu betreten. Tommi zögerte nicht lange, nahm ihr Geld und brachte ihr einen Wein mit – hätte die Polizistin, die in der Nähe des Eingangs postiert war, das gesehen, wäre sie sicherlich nicht erfreut gewesen. Ob das eine gute Idee war und ob wir uns lieber hätten weigern sollen, die Alkoholsucht der Frau zu unterstützen – darüber lässt sich sicher streiten. Mir hat die Frau auf jeden 10559915_10152130338213414_5496475348288705045_nFall leid getan, wie sie Fremde darum bitten musste, ihr eine Flasche Wein zu kaufen. Natürlich weiß man nicht, warum sie Ladenverbot hatte oder ob das überhaupt stimmte. Unser Tourguide James, den wir am nächsten Tag kennen lernen sollten, erzählte uns, dass selbst er (der mit Bar, Tätowierung und breiter Statur nicht gerade wie ein einfaches Opfer aussah) sich abends in Alice Springs nur mit Taxi fortbewegt und keinem von uns empfehlen würde, alleine durch die Gegend zu laufen. Wenn ich mich recht erinnere, sagte er, dass auf die rund 28.000 Einwohner um die 6.000 Polizisten kommen, was die hohe Kriminalitätsrate widerspiegelt. Ich habe etwas im Internet recherchiert und herausgefunden, dass es im vergangenen Jahr rund 1500 Verbrechen gegenüber Personen, 392 Einbrüche in Privathäuser und 321 in Geschäfte, 278 Autodiebstähle und 1451 Fälle von Sachbeschädigung in Alice Springs protokolliert worden sind. Zwar ist sind die Verbrechen im Vergleich zu Vorjahr um etwa 20 Prozent zurückgegangen, aber mir erscheinen diese Zahlen für eine Kleinstadt immernoch extrem hoch. Angst braucht man zwar nicht zu haben, aber eine gesunde Portion Vorsicht gerade in den Abendstunden ist dort sicher nicht verkehrt.

Sonnenuntergang vom ANZAC-Hügel

IMG_7271Nachdem wir uns also mit Burger und Bier für zusammen 10 Dollar (super Preis) gestärkt hatten, liefen wir durch die Innenstadt und schließlich zum ANZAC-Ehrenmal, das auf einem Hügel liegt und einen tollen Blick über die Stadt bietet. Von dort aus betrachteten wir den Sonnenuntergang und freuten uns auf den morgigen Beginn unserer Tour.

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