„Gestatten, Mary Briely, Drogendealerin“ – Ein Besuch im alten Gefängnis von Melbourne und dem Wachhaus der Polizei
Posted from Melbourne, Victoria, Australia.
Eine Frau in Uniform öffnet uns die Tür. Ihr Blick ist hart, ihr Tonfall harsch und sie hat nicht
den Hauch eines Lächelns auf dem Gesicht. „Willkommen im Wachhaus der Polizei von Melbourne!“, sagt sie sarkastisch. Jule und ich schauen uns halb amüsiert, halb entsetzt an. War das eine gute Idee, nicht nur das alte Gefängnis von Melbourne anzuschauen, sondern auch noch die interaktive Führung durch das „Watchhouse“ mitzumachen? Mitgehangen, mitgefangen. Wie passend. Es gibt kein „Hallo, schön, dass Sie an der Führung teilnehmen“, man wird gleich mitten in das Geschehen einbezogen. Jeder von unserer Gruppe (auch die Kinder) bekommt eine neue Identität und erfährt, warum er „festgenommen“ wurde. Mein Name war „Mary Briely“, ich wurde wegen des Besitzes von illegalen Drogen unter Arrest gestellt. Von nun an hieß es nur noch „Yes, Sergeant“ und „No, Sergeant“. Wenn wir nicht laut genug antworten, werden wir angebrüllt. Na super, dafür hatten wir also Geld bezahlt?! Obwohl man weiß, dass das alles nur Rollenspiele sind, fühlt man sich schnell ziemlich eingeschüchtert. Bloß keinen Ärger machen oder unangenehm aus der Gruppe auffallen. „Haben Sie Drogen dabei?“ „Waffen?“ – Ähh, natürlich nicht. Wir müssen die Hände nach oben nehmen und Fragen zu unserer Identität beantworten. Die Kinder machen das Spiel echt locker mit, keines wirkt ängstlich oder als ob ihm die Situation unangenehm ist. Wahrscheinlich haben die Kinder von heute in Filmen und Computerspielen schon wesentlich abschreckenderes erlebt als so eine läppische Verhaftung.
Bis zu 100 Betrunkene am Wochenende
Durch diese Führung soll man erfahren, wie man sich fühlt, wenn man verhaftet, verurteilt und in einer Polizeistation eingesperrt wird. Die Polizeistation wurde 1909 in Betrieb genommen und erst 1994 geschlossen.
In den 1990er Jahren waren dort jedes Jahr 19.000 Menschen unter Arrest – im Durschnitt 50 pro Tag -, wobei Männer und Frauen in getrennte Zellen gesteckt wurden. Das Vergehen, wegen dem die meisten dort landeten, war „Trunkenheit und ordnungswidriges Verhalten“. Teilweise waren an den Wochenenden bis zu 100 Betrunkene gleichzeitig in den drei „Naßzellen“ untergebracht. Sobald sie wieder nüchtern waren, wurden sie mit einer gerichtlichen Vorladung entlassen.
Personen, von denen man dachte, dass sie sich selbst verletzen könnten, wurden in eine gepolsterte Zelle gebracht. Nachts bekamen die Insassen eine dünne Matratze und ein Laken – am Tag hielten sie sich hauptsächlich auf dem Sporthof auf und warteten auf ihren Gerichtstermin. Andere Delikte waren Diebstahl, unanständige Ausdrucksweise, Körperverletzung und offensives Verhalten. Allerdings saßen dort auch einige von Victorias berüchtigsten Verbrechern ein – unter anderem solche, die später wegen Mordes verurteilt worden sind. Im Wachhaus blieben die Verhafteten zwischen drei und 28 Tagen, bevor sie dem Richter vorgestellt wurden.
Eingesperrt
Wir Frauen müssen uns nun an die linke, die Männer an die rechte Wand stellen. Beine breit, nach vorne beugen – wir werden nach Drogen und Waffen durchsucht und anschließend in unsere Zellen gebracht.
Gemütlich ist es hier nicht gerade, die Wände sind dreckig, es gibt ein paar Lüftungsschächte, eine Bank und ein Klo in der Ecke. Nicht gerade das Ritz, aber Ansprüche dürfen wir nicht stellen, wir sind ja Verbrecher. Wir setzen uns alle auf die Bank und Sergeant Shannahan schließt mit einem lauten knall die braune Tür. Das Licht geht aus. Wir sind eingesperrt. Nicht gerade ein schönes Gefühl. Gut, dass wir nach ein paar Minuten wieder rausgelassen werden. Aber ich kann mir nicht vorstellen, so Stunden zu verbringen. Da würde ich Platzangst bekommen. Man glaubt es nicht, aber alle Bänke, Türen, die Toiletten etc. sind noch die Originale, da wurde nichts ausgetauscht!
Das alte Gefängnis von Melbourne
Ach ist das schön, wieder frei zu sein! Nach etwa einer dreiviertel Stunde werden wir aus dem Wachhaus entlassen und schauen uns das alte Gefängnis von Melbourne an. Mit dem Bau wurde 1841 begonnen und der erste Zellenblock vier Jahre später in Betrieb genommen. Als im Raum Melbourne 1851 Gold entdeckt wurde, wuchs die Bevölkerung rasant an und dadurch häuften sich auch die Verbrechen. Deshalb baute man das Gefängnis weiter aus, so dass es schließlich so groß wie ein ganzes Stadtviertel war. Es umfasste Sporthöfe, Krankenhäuser, eine Kapelle, ein Badehaus und Unterkünfte für das Wachpersonal. Das Melbourner Gefängnis wurde 1924 geschlossen und während des Zweiten Weltkrieges für kurze Zeit nochmal geöffnet, um Militärgefangene aufzunehmen. Seit dem Jahr 1972 ist der Zellenblock ein öffentliches Museum. Am Anfang wurden die Gefangenen in Einzelhaft gesteckt und durften die Zelle nur für eine Stunde Sport am Tag verlassen. Unterhaltungen zwischen den Gefangenen waren verboten und außerhalb der Zelle mussten sie sogar eine so genannte „Schweigemaske“ tragen. Nur einmal die Woche durften sie baden und ihre Kleider wechseln sowie sonntags in die Kapelle gehen. In die Gemeinschaftszellen im zweiten Stockwerk kam, wer Schuldner war oder wer bald entlassen werden sollte.
Der Galgen von Ned Kelly
Insgesamt wurdendort 133 Gefangene – unter anderem der berüchtigte Ned Kelly im November
1880 – am Galgen gehängt. In den einzelnen Zellen kann man Geschichten über die hingerichteten Gefangenen nachlesen und man erfährt einiges über die Entstehung und die Geschichte des Gefängnisses. Ein bisschen gruselig sind die Totenmasken der Hingerichteten, die in den einzelnen Zellen ausgestellt sind. Diese wurden unter anderem als Beweis dafür gemacht, dass der Gefangene auch wirklich hingerichtet worden ist. Es ist schon etwas komisch, den Galgen zu sehen, an dem die Menschen gehängt worden sind. Etwas makaber erscheint dabei auch das Miniatur-Galgenmodell, bei dem man per Knopfdruck „nachspielen“ kann, wie jemand gehängt wird. Manchmal hat es bis zu 20 Minuten gedauert, bis der Gehängte auch wirklich tot war.
- Der Galgen
- Der Miniaturgalgen
- Die Totenmaske von Ned Kelly
Nach all den Geschichten von Morden und Gehängten, den vielen Totenmasken, dem Galgen und dem schummrigen Licht im Gefängnis waren Jule und ich dann doch sehr froh, als wir wieder in Freiheit waren und das Tageslicht sahen.















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