{"id":705,"date":"2014-03-30T12:23:50","date_gmt":"2014-03-30T10:23:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cpierk.de\/australia\/?p=705"},"modified":"2014-03-30T12:23:50","modified_gmt":"2014-03-30T10:23:50","slug":"meine-neue-freundin-die-china-oma","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.cpierk.de\/australia\/?p=705","title":{"rendered":"Meine neue Freundin, die China-Oma :-)"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"location-link\" href=\"#\" id=\"location705\" name=\"-37.814107,144.96327999999994\" onclick=\"return false;\">Posted from Melbourne, Victoria, Australia.<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da sa\u00df ich also an dem Tisch mit einer 80-j\u00e4hrigen Chinesin, einer h\u00fcbschen 20-j\u00e4hrigen ukrainischen Schauspielerin und einer chinesischen Krankenschwester. Tja, wie es dazu kam, das ist eine interessante Geschichte. \ud83d\ude42<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Beatriz hatte ich erfahren, dass es ein multikulturelles Zentrum in Melbourne gibt, in dem man umsonst Sprachkurse belegen kann. Da es ja nie schaden kann, seine Sprachkenntnisse im Ausland aufzupolieren, erkundete ich mich nach geeigneten Kursen. Die so genannten &#8222;Talking Circles&#8220; h\u00f6rten sich gut an: &#8222;Wenn Sie in kleinen Gruppen Gespr\u00e4chssituationen f\u00fcr Ihren Berufsalltag mit Freiwilligen \u00fcben m\u00f6chten, kommen Sie zum Talking Circle&#8220;. Das ist genau das Richtige f\u00fcr mich, dachte ich. So kann ich f\u00fcr meinen n\u00e4chsten Job berufsspezifische Gespr\u00e4che ein\u00fcben, neues Vokabular lernen und vielleicht auch etwas f\u00fcr Pr\u00e4sentationen aufschnappen. Ich schrieb mich also ein und war begeistert, als ich einen Platz bekam. An einem Donnerstag zwischen 13 Uhr und 14 Uhr sollte es losgehen und voller Vorfreude fuhr ich zum Sprachzentrum. Da gab es die erste \u00dcberraschung: Zu unserem Klassenzimmer gelangten wir durch eine Tiefgarage! Der fensterlose Raum erinnerte etwas an einen Bunker, aber das lie\u00df meinen Enthusiasmus nicht im geringsten abebben. Ich wollte etwas lernen und mich f\u00fcr k\u00fcnftige Jobs weiterbilden. Ein paar andere Wissbegierige waren schon im Raum. Dort standen vier runde Tische, an denen vereinzelt Leute sa\u00dfen. Hinten rechts unterhielten sich zwei Frauen um die 40 und hinten links am Tisch sa\u00df einsam und verlassen eine \u00e4ltere Asiatin. Am liebsten h\u00e4tte ich mich zu den zwei Frauen gesetzt, aber irgendwie tat mir die \u00e4ltere Dame leid. Also setzte ich mich zu ihr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sprechen wir eine Sprache?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch wer zu nett ist, den bestraft bekanntlich das Leben. Denn die alte Dame war nicht nur ziemlich unfreundlich, sondern sprach auch ein sehr schlechtes Englisch. Unser Gespr\u00e4ch lief in etwa so ab (auf Deutsch \u00fcbersetzt):<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ich:<\/strong> &#8222;Hallo, ich hei\u00dfe Christine. Ich komme aus Deutschland, arbeite momentan in Melbourne und bleibe ein Jahr in Australien.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die \u00e4ltere Dame:<\/strong> &#8222;Ich hei\u00dfe hongzidingdsa und komme aus China. Ich bin 80 Jahre alt.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ich:<\/strong> &#8222;Entschuldigung, ich habe Ihren Namen nicht verstanden. Wie hei\u00dfen Sie? Was, 80 Jahre, das sieht man aber gar nicht! (tja, was soll man sonst sagen, sie h\u00e4tte auch gut 90 sein k\u00f6nnen) Toll, dass Sie in Ihrem Alter Sprachkurse besuchen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die \u00e4ltere Dame:<\/strong> &#8222;Hong-zid-ings-da&#8220; (nun hat sie es ganz langsam mit einem ganz schlimmen Chinesisch-Englischen-Akzent gesagt und mich angeschaut, als w\u00e4re ich etwas schwer von Begriff).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ich:<\/strong> &#8222;Achso (ich hatte ihren Namen immer noch nicht richtig verstanden &#8211; geschweige denn, dass ich in mir h\u00e4tte merken k\u00f6nnen), freut mich. Wie lange sind Sie denn schon in Melbourne?&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die \u00e4ltere Dame:<\/strong> &#8222;Seit 45 Jahren komme ich immer wieder her.&#8220; (das hatte ich zumindest unter h\u00f6chster Konzentration aus ihrem Kauderwelsch herausgeh\u00f6rt)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ich:<\/strong> &#8222;Toll und wie lange bleiben Sie hier?&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die \u00e4ltere Dame (nun ziemlich barsch und als h\u00e4tte sie es mit einer Vollidiotin zu tun):<\/strong> &#8222;Das habe ich doch gerade gesagt! Ich wohne seit 45 Jahren hier!&#8220; (achherje, jetzt reimte ich mir zusammen, dass die Frau tats\u00e4chlich schon 4 Jahrzehnte hier wohnt, aber scheinbar jetzt das erste Mal aus Chinatown herausgekommen ist)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Konversation wurde immer unangenehmer und ich war froh, dass sich nun zwei weitere Frauen zu uns an den Tisch setzten und ich somit nicht mehr allein mit der Oma war. Rechts neben hatte eine sehr grazile und h\u00fcbsche etwa 20-j\u00e4hrige Ukrainerin Platz genommen, die Schauspielerin ist, mit einer leisen ruhigen Stimme sprach und ihre Schwester in Melbourne f\u00fcr ein paar Wochen besucht. Links neben mir sa\u00df nun eine etwa 40-j\u00e4hrige Chinesin, die Krankenschwester und auf Jobsuche ist und sehr fr\u00f6hlich war. Gegen\u00fcber von mir die b\u00f6se Oma, die (wie ich nun erfahren hatte) anscheinend (mit nicht sehr gro\u00dfem Erfolg) schon einige Sprachkurse besucht hatte. Eine lustige Truppe also. \ud83d\ude42<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Freiwilligen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was erwartete uns nun? Ich war bereit, viel N\u00fctzliches f\u00fcr den Job zu lernen! Die Frau vom multikulturellen Center erkl\u00e4rte uns, dass gleich die Freiwilligen kommen w\u00fcrden, die mit uns Gespr\u00e4chssituationen \u00fcben. Und da waren sie auch schon: In der T\u00fcr unseres fensterlosen grauen Bunkers standen vier Personen &#8211; zwei Frauen und zwei M\u00e4nner &#8211; in Anzug und Kost\u00fcmen. Wie sie da standen, in ihren Bussinessoutfits und auf uns &#8211; die Ausl\u00e4nder &#8211; herab schauten (also tats\u00e4chlich und nicht unbedingt ildlich gesprochen), das war eine seltsame Situation. Ich sa\u00df da und f\u00fchlte mich wie ein Fl\u00fcchtling, dessen sich jemand erbarmt und sich mit ihm besch\u00e4ftigt. Die Freiwilligen waren nat\u00fcrlich ganz nett und es ist ja auch eine super Sache, dass sie ihre Mittagspause opfern, um anderen Englisch beizubringen. Aber ich f\u00fchlte mich irgendwie fehl am Platz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was ist Dein Lieblingstier?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu uns kam eine junge Frau, etwa so alt wie ich, die in einer Anwaltskanzlei als Juristin arbeitet und schon mehrere Jahre als Freiwillige t\u00e4tig ist. Sie war sehr freundlich und ging offen auf uns zu. Welche Situationen f\u00fcr den Beruf Sie uns wohl beibringen wollte? Trotz der seltsamen Situation war ich immer noch optimistisch, dass mir dieser Kurs etwas bringen w\u00fcrde. Das \u00e4nderte sich aber schlagartig, als wir ein Blatt in die Mitte unseres Tisches gelegt bekamen, auf dem ein Spielfeld aufgemalt war. Wir bekamen jeder eine Spielfigur, W\u00fcrfel und schon begann das Sprachspiel! Achherje, da sieht man mal wieder &#8211; es kann immer noch schlimmer kommen! Anstatt Gespr\u00e4chssituationen f\u00fcr den Beruf einzu\u00fcben, durften wir nun je nach Feld, auf dem wir landeten, etwas \u00fcber unser Lieblingstier; ein Buch, das wir gelesen haben, unser Zimmer, unser Lieblingsessen, usw. erz\u00e4hlen. Das war echt unglaublich! Ich kam mir vor wie in der 5. Klasse im Englischunterricht! Die Antworten der China-Oma waren immer am besten: Sie hatten gesagt, dass Ihr Mann ein Restaurant in Chinatown gehabt hatte. Als sie auf die Frage nach Ihrer Lieblingsbesch\u00e4ftigung nichts wusste und ihr unsere Juristin als Vorschlag &#8222;Kochen&#8220; machte, antwortete sie barsch: &#8222;Ich habe noch nie gern gekocht, deshalb bin ich froh, dass mein Mann in Rente ist und wir das Restaurant nicht mehr haben.&#8220; Okay&#8230; Scheinbar hat sie immer mit viel Liebe gekocht&#8230; \ud83d\ude09 Dieses Spiel wurde in meinen Augen immer absurder und sinnloser, aber so wie es aussah, hatte nur ich diesen Eindruck. Die Ukrainerin und die beiden Chinesinnen waren mit voller Konzentration dabei &#8211; na ja, bei der die China-Oma nahm ich an, dass ihre unfreundliche Art Teil ihrer liebenswerten Pers\u00f6nlichkeit war und nichts mit der Tatsache zu tun hatte, dass sie das Spiel auch bl\u00f6d fand. Die Stunde zog sich unendlich hin und ich war &#8211; seit meiner letzten Mathe-Stunde im Gymnasium &#8211; nicht mehr so froh, als die Stunde um war!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Einmal und nie wieder<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Hinausgehen fragte mich die Ukrainerin, ob ich n\u00e4chste Woche wiederkomme (scheinbar hatte sie schon gemerkt, dass ich mit den Fragen leicht unterfordert war). Als ich ihr sagte, dass ich es nicht glaube, weil das Niveau doch nicht ganz meinen Englischkenntnissen entsprechen w\u00fcrde, nickte sie nur und sagte &#8222;Ich verstehe.&#8220; Also das Angebot ist wirklich gut f\u00fcr Leute, die kaum Englisch sprechen oder (wie bei der China-Oma) in einer Parallel-Gesellschaft wie in Chinatown leben und kaum dazu kommen, Englisch zu sprechen, aber mit Vorbereitungen f\u00fcr den Job hat das wirklich nichts zu tun. Wie Ihr Euch sicher vorstellen k\u00f6nnt, war ich das erste und letzte Mal dort. \ud83d\ude42<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Posted from Melbourne, Victoria, Australia. Da sa\u00df ich also an dem Tisch mit einer 80-j\u00e4hrigen Chinesin, einer h\u00fcbschen 20-j\u00e4hrigen ukrainischen Schauspielerin und einer chinesischen Krankenschwester. 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